Werner Lutz Handschrift

Lyriker und Maler

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Biographie

Geboren am 25. Oktober 1930, als fünftes Kind einer Seidenweber- und Kleinbauernfamilie, in Wolfhalden, Kanton Appenzell Ausserrhoden (Schweiz). Ausbildung zum Grafiker in St.Gallen. Arbeitete danach in einem Werbeatelier in Basel, machte sich später selbständig und begann in dieser Zeit Gedichte zu schreiben und zu malen. Lebte bis zu seinem Tod am 17. Juli 2016 in Basel.

Aufgewachsen nah an einer Stallwand, zusammen mit Brennnesseln und Holunder, zwischen Hahnenfuß und Hühnerbeinen, von Wespen gestochen und von Bremsen, stehe ich noch immer dort. Auch auf der Sandsteintreppe bin ich anzutreffen, ein randvoll gefüllter Wassereimer, der für immer ein randvoll gefüllter Wassereimer bleibt.

Ich bin zu hören als Webstuhl, der unten im feuchten Keller Seide webt, bin noch immer unterwegs, als ein Bellen, Maunzen, Grunzen, klirre als Kuhkette in der fellwarmen Dunkelheit. Ich liege als Brotlaib im Küchenkasten dampfe als Melissentee auf dem Stubentisch. Dort schreibt mein Vater, mit widerspenstiger Feder, mahnende Briefe an seine Söhne, liest in der Bibel jene Abschnitte, die ebenfalls von Vätern und Söhnen handeln, von bitteren Enttäuschungen und bitterem Verzeihen.

Aufgewachsen mit den Brunnenworten einer Brunnenröhre, heftigen Worten bei Gewittern, spärlichen Worten in trockenen Zeiten, verstehe ich als einer der Letzten diese glitzernde Sprache. Ich habe mit allen Sinnen zugehört, den Hügeln, dem Winseln des Föhns, dem Falterflug nah am Ohr.

Und nun habe ich den Faden verloren, bin ein alter Mann geworden, der sich zurücksehnt und zugleich jene verflucht, die unsere Erde plündern und verwüsten. Nacht wächst über meinen Arbeitstisch, dichtdunkles Nachtgras, das morgen in aller Frühe gemäht werden wird.

Gedicht von Werner Lutz